
 | Boguslaw Schaeffer Ein paar Worte vom Komponisten und Kompositionslehrer zur Internationalen Akademie für Neue Komposition und Audio-Art |
Genau vor zehn Jahren (wir schreiben jetzt das Jahr 2003) entstand in der wunderschönen und
kulturfreundlichen Silberstadt Schwaz die erste "Internationale Akademie für Neue Komposition".
Ich hatte die Ehre und Pflicht mich mit dem wichtigsten Fach zu beschäftigen. Ich komponiere gern
und viel und würde unglücklich sein, wenn ich das nicht weiter geben könnte, was ich in fünfzig
Jahren gelernt habe, meistens autodidaktisch, weil meine braven Lehrer für die neueste Komposition nicht
zuständig waren, obwohl sie als Komponisten seiner Zeit die größten Erfolge erzielen konnten.
In unserer Zeit musste man anders als bisher unterrichten, nicht traditionell wie fast alle
Kompositionspädagogen mit dem von mir verehrten Arnold Schönberg an der Spitze. Bedenken wir,
wie man den letzten Generationen - und damit auch meiner - alles (vermutlich) nötige beigebracht
hatte. Ich zeige es an meinem Beispiel: mein hauptsächlicher Professor unterrichtete uns so, wie
er von seinem Professor gelehrt wurde und so die Reihe weiter. Es zog sich auf diese Weise zurück
auf die Zeit von vor einem Jahrhundert: der Ur-ur-Lehrer studierte bei einem gewissen Lehrer in
Paris namens N. H. Weber, den wir selbst in den größten Musiklexika nicht finden.
Meine Linie: Malawski > Sikorski > Szopski > Zalenski > N. H. Weber sah tragisch aus,
die vier letzten Namen deuten auf vollkommen traditionelles Denken, und dieses Denken
war - das kann man beweisen - völlig inkompetent.
Gott sei Dank hatte ich auch Musikwissenschaft studiert bei dem Schönberg-Schüler, Professor
Zdzislaw Jachimecki, der mit Anton Webern befreundet war und der mich über die Wichtigkeit
der Schönbergschen Musikphilosophie und Musiktechnik ziemlich genau unterrichtete, als
er gehört hatte, dass ich komponiere.
Mit vierundzwanzig Jahren hatte ich nur eines im Sinne: ich muss komponieren und dabei Komposition
unterrichten (Nebenbei gesagt habe ich nie die sogenannten Theoriefächer wie Harmonielehre,
Kontrapunkt et cetera unterrichtet, ich habe in beiden Hochschulen - an der Musikakademie Krakau
und am Mozarteum Salzburg - nur Komposition unterrichtet).
Ich habe eingesehen, dass das Komponieren den jungen Komponisten einzeln beigebracht werden soll.
Also keine Versammlungen, Keine Diskussionen - es wird komponiert, das heißt: ich nehme irgendein
Problem und zeige, indem ich dem Schüler vorkomponiere, wie man das Problem lösen kann.
Komposition ist vom psychologischem Standpunkt gesehen eine ziemlich schwierige Angelegenheit,
man muss die jungen Leute dazu bringen, dass sie es mögen zu komponieren, das es ihnen Spass macht,
etwas Neues, Unerwartetes und vielleicht Nie-da-gewesenes zu schreiben. Von meinen Schülern erwarte
ich Begeisterung, feine Arbeit, Freude am Komponieren, vor allem aber Charakter. Als Vorbild zeige
ich Ihnen den schon erwähnten Schönberg: für ihn war Komponieren eine Notwendigkeit.
Schönberg hat über Neue Musik Wesentliches gesagt: "Was ist Neue Musik? - Offensichtlich
muss das Musik sein, die, obwohl sie immer noch Musik ist, sich in allem von früher komponierter
Musik unterscheidet. Sie muss etwas ausdrücken, was bisher noch nicht in der Musik ausgedrückt
worden ist." Diese Gedanken des großen österreichischen Komponisten waren für mich die wichtigsten
Leitsätze, vor allem in meinem Schaffen.
Internationale Akademie. Das klingt vielleicht übertrieben. Aber wenn man bedenkt, das im Gegensatz
zu der Literatur, die man erst übersetzen muss, was nicht immer gelingt, die Musik in aller Welt leicht,
gleich leicht verständlich ist, wird man zum Schluss kommen, dass sie etwas wunderbares ist,
etwa wie die Malerei. Ich unterrichtete - in Krakau und in Salzburg - junge Komponisten,
die aus allen Kontinenten stammten (auch aus Afrika - Zwillinge aus der Elfenbeinküste,
sie schrieben fast identische Musik!), wir verstanden uns gut, weil sie auch großes Interesse
an den Erfindungen im Bereich der neuen kompositorischen Mittel hatten.
Mein Anliegen ist es mit neuen Mitteln (neue Fakturen, neue Zusammenstellungen der Innstrumente,
neue Mikrotonalität und multifone Klänge) eine ausdrucksvolle und - wenn es gelingt - auch schöne Musik
zu schreiben.
Uns bot sich vor zehn Jahren eine wunderbare Gelegenheit: ich konnte in Schwaz ausgewählte,
hochbegabte Komponisten unterrichten. Die Inspiratorin war in diesem Fall Frau Marianne Penz-van
Stappershoef. Sie war für die Idee Neue Musik zu unterrichten so begeistert, dass ich mich mit großer
Freude und mit dem besten Vergnügen daran beteiligt habe. Es gab nur ein Problem: man sollte nicht
über Neue Musik reden, sondern Neue Musik in kurzer Zeit schreiben. Nicht alle begabten Musiker
haben diese Fähigkeit, manche arbeiten langsam und mühsam, so dass man den Eindruck hat,
sie werden keine Komponisten sein. Denn es geht unter anderem um die Disposition, um eine
Bereitschaft in kurzer Zeit (eine Woche nur) eine vollständige Komposition herzustellen,
dazu noch nicht für ein Instrument, sondern für eine Gruppe verschiedener Instrumente
(meistens war es ein polykoloristisches Quartett, zweimal konnten wir das wunderbare
Arditti Quartet für die Aufführungen haben).
Es gibt einen großen Unterschied zwischen den vielen Sommerkursen und Ähnlichem und unserer
Tiroler Akademie für Neue Komposition und Audio-Art. An den meisten Sommerkursen wird viel
geredet und diskutiert, man hat die Gelegenheit mit eingeladenen Komponisten zusammen zu essen,
man hört vielleicht ihre Musik (die man sonst auch zu hören bekommt, weil sie so bekannt sind),
aber praktisch genommen lernt man wenig oder gar nichts. Das schlimmste ist - und das weiß ich von meinen
eigenen Erfahrungen - dass man in dieser Zeit nichts komponiert.
In Tirol geht das ganz anders. Schon in den ersten Tagen entsteht eine schöpferische Atmosphäre,
man erfreut sich an den Möglichkeiten neue Mittel zu verwenden, gute Aufführende für
die Komponierte Musik zu haben, man lebt in einer Atmosphäre, wo nicht die eingeladenen
Komponisten und Audio-Art-Künstler wichtig sind, sondern die Musik, die man sozusagen
aus dem Nichts heraus komponiert. Denn es ist nicht erlaubt eine schon früher komponierte
Musik aufführen zu lassen, man verpflichtet sich vom Null-Punkt bis zum End-Punkt in gegebener Zeit,
also in einer Woche, bestärkt von der Lehre und dem Rat des Kompositionslehrers,
ein ganzes Musikstück zu komponieren. Man lernt disponiert zu sein, schöpferisch bereit zu sein,
seine vorgelegten Ideen (und die muss man haben, wenn man komponieren will) in eine aufführbare
und aber doch interessante Musik zu setzen, die dann dem breiterem Publikum angeboten wird.
Alle Beteiligten haben in dieser Zeit auch Gelegenheit sich über die neuen Möglichkeiten
der jeweils anders zusammengestellten Instrumente zu informieren (es gibt dazu Demonstrationskonzerte
und einzelne Konsultations-Begegnungen mit den Aufführenden). Daneben gibt es Möglichkeit
auch mit Audio-Art-Künstlern zusammen zu kommen und ihre Arbeit an den Vorführungen zu begleiten.
Das ist eine gute Ablenkung von der Konzentration auf die geschriebenen Kompositionen und zugleich
eine Erholung.
Ich bin der Meinung, dass der beschäftigte junge Komponist in dieser Zeit nicht die Musik
anderer hören und eine Musikhygiene eingeführt werden sollte durch die Isolation von allem,
das mit seinem entstehenden Werk nicht zusammen hängt.
2003
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